Mit Karl Marx
Eine Perle der ARD-Wissenschaftssendungen: „Die Industrialisierung des Südwestens“
Am 20. Juni 2023 (Mediathek SWR um 23 Uhr 30) wurde unter diesem Titel eine Sendung des Jubiläumsjahres 2018 wiederholt. Autorin ist Lena Ganschow [1], die der Frage nachgeht, “wie die Industrialisierung den armen Südwesten allmählich, aber grundlegend verändert hat und wie einflußreich der Mann war, der in der Nacht zum 5. Mai 1818 um 2 Uhr in Trier geboren wurde: Karl Marx.“
Diese gelungene filmische Nacherzählung verwebt die Lebensgeschichte von Karl Marx mit der Entwicklung des Marxismus auf der materiellen Grundlage der gegenseitigen Förderung von Fortschritten von Naturwissenschaft und Technik mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Der spannende Film bietet sehr anschauliche geschichtliche Dokumente für die im Buch von Stefan Engel „Die Krise der bürgerlichen Naturwissenschaft“ wissenschaftlich verarbeiteten Zusammenhänge und eignet sich besonders für die Jugend- und Bildungsarbeit.
Dazu gehören z.B. die Begradigung des Rheins und die Ursprünge der BASF-Stadt Ludwigshafen aus einem kleinen Warenumschlagplatz an der Rheinschanze Mannheim. Oder die erste zahnradlose Überwindung einer Gebirgsstrecke mit der Eisenbahn an der Geislinger Steige und ihre Folgen: Nicht nur entstanden in Geislingen die Maschinenfabrik mit rund 3.000 Beschäftigten und in Esslingen die Maschinenfabrik für den Bau der Loks. Sondern es eröffnete auch den Zugang der Schwäbischen Alb zum Weltmarkt und verdrängte das Handwerk durch die mechanisierte Textilindustrie.
In Karlsruhe wurde mit dem Polytechnikum die erste Technische Hochschule Deutschlands gegründet und in München war der „Dampfkessel Überwachungs- und Revisionsverein“ der Urvater des heutigen TÜV. Die Erfindung der Fertigsuppe und Erbswurst machte Knorr als Hauptlieferanten des Militärs zum Weltkonzern, ermöglichte aber auch den Ganztagseinsatz der Frauen in der Industrie.
Noch weitere spannende Erfindungen erwarten den Zuschauer. Doch der Film hat entscheidend mehr zu bieten. Die Filmankündigung bringt auf den Punkt: „Die soziale Frage begleitet die Industrialisierung und Karl Marx liefert theoretisch fundierte Antworten. Sozialismus ist eine davon.“ Auch wenn im Film der Sozialismus als „Utopie“ bezeichnet wird und dem Kapitalismus bis heute die Fähigkeit zur „Nachjustierung“ bescheinigt wird, belegen die Dokumente mit Originalzitaten aus dem „Kommunistischen Manifest“, „Das Kapital“ und der „Kritik am Gothaer Programm“ („zu reformorientiert“, „zu national“), wie der Sozialismus durch Marx und Engels zur Wissenschaft wurde.
Die „Internationale“ begleitet als Hintergrundmusik die Entwicklung in Theorie und Praxis: Die Kritik an Hegel, der Nachweis der Ausbeutung der Ware Arbeitskraft als „theoretisches Fundament für den Kampf um den Anteil am Mehrwert“, der „Klassenkampf gegen die Bourgeoisie“ und dessen Organisierung mit Gründung der „natürlich internationalen“ Organisation der I. Internationale. Dem „Visionär der Globalisierung“ wird bescheinigt, vor allem Revolutionär gewesen zu sein. Umso krasser, wenn am Ende gezeigt wird, wie Gerhard Schröder mit seinem Besuch im Waldheim Stuttgart-Heslach Marx vereinnahmen will. Der Film ist wirklich geeignet, dem Sozialismus neues Ansehen zu verleihen.