Leseempfehlung
Saša Stanišic: "Wie der Soldat das Grammophon repariert"
Der autobiographische Roman des Autors Saša Stanišic geht zurück auf den Krieg in Bosnien und Herzegowina in der Zeit von 1992 bis 1995. Er ist eine eindringliche Warnung, nicht der chauvinistischen Stimmungsmache durch Nationalismus und Rassismus zu erliegen und sich nicht gegenseitig aufhetzen zu lassen. Er lenkt den Blick auf die aktuellen Ereignisse und blutigen Zusammenstöße im Kosovo und anderswo auf der Welt. Schauplatz ist vor allem Višegrad an der Drina.
Im 2006 erschienenen Roman erzählt Stanišic aus der Sicht des 14-jährigen Aleksandar die Tragödie dieses Krieges und die seiner Familie – die Mutter ist Muslima, der Vater Christ. Er sagt schließlich von sich: „Ich bin ein Halbhalb. Ich bin Jugoslawien – ich zerfalle also.“
Der Krieg kommt für Aleksandar ohne klare Vorankündigungen. Doch irgend etwas Gravierendes scheint sich für ihn als überzeugter "Pionier" anzubahnen: In der Schule wird das Tito-Bild abgehängt, die rote Fahne verschwindet aus der Schul-Vitrine und der Lehrer darf nicht mehr mit „Genosse“ angeredet werden. Als dann noch der jährliche Angelwettbewerb an der Drina abgesagt wird, beginnt seine bis dahin "heile Welt" zu zerbrechen. Auf einmal stehen Panzer in der Einfahrt zu einem Hochhaus in Višegrad. Es wird zum Schauplatz faschistischer, grausamer Szenen, die Aleksandar erleben muss.
Aber der Krieg erscheint ihm auch absurd: Wenn ein Soldat auf einem Panzer seine Zeit bis zum nächsten Einsatz mit "Nintendo"-Spielen vertreibt. Oder wie ein Soldat das Grammophon für eine Orgie im Treppenhaus des Hochhauses in Gang bringt. Oder schließlich, wie bosnische und serbische Soldaten - Kriegsgegner - in einer Waffenstillstandspause Fußball spielen. Was grausam endet, denn einer der (ehemals) jugoslawischen Topspieler wird Opfer der eigenen Verminung, als er den Ball holen will, der ins Aus gekickt worden war.
Aleksandar flieht mit seiner Familie nach Deutschland und kehrt erst nach Kriegsende zurück. Visegrad und seine einstmaligen Bewohner existieren praktisch nicht mehr. Die Folterer und Schinder laufen frei herum, als sei nicht gewesen und sind sogar bei der Polizei rekrutiert. Aleksandar hat sich voll Optimismus eine lange Liste gemacht, was und wen er in Višegrad oder auch Sarajewo sehen, hören, erfahren und finden will. Insbesondere sucht er nach seiner Kinderfreundin und Hoffnungsträgerin Asija. Aber er hat auch Angst, sich zu erkennen zu geben.
Luchterhand Verlag, 2006, 315 Seiten
10 Euro (Taschenbuch)