Bauernproteste am Weltmilchtag
Milchmädchenrechnung
Halleluja! Am hoch-christlichen Feiertag Fronleichnam verkündet die bürgerliche Presse ein Wunder: „Milch wird wieder billiger, Handel setzt Rotstift bei Molkereiprodukten an.“ Haben die jetzt ihr christliche Nächstenliebe entdeckt?
Unter dem Vorwand erhöhter Energie- und anderer Rohstoffpreise hatten Energiekonzerne, Großagrarier, Lebensmittel- und Handelskonzerne, Großmolkereien und Supermärkte die Verbraucherpreise in die Höhe getrieben. Milliarden zusätzliche Extraprofite auf der einen Seite. Andererseits durch die hohe Inflation kaum mehr bezahlbare Güter des täglichen Bedarfs für einen immer größeren Teil der Bevölkerung.
Aufgrund der hohen Preise ist z.B. der Verkauf von Biomilch im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent zurückgegangen. Die Übermengen sollen nun wohl auf Kosten der Milchbauern verramscht werden. Wenn man sich in einem der reichsten Länder der Welt schon nicht mehr ausreichend Molkereiprodukte für die Kinder leisten kann, da hört der Spaß auf! Offenbar war jetzt für Konzerne und Regierung die Zeit reif, die Notbremse zu ziehen. Das war wohl nötig angesichts wachsender Empörung und Interesse an einer gesellschaftlichen Alternative jenseits des Krisenchaos.
Dass jetzt ausgerechnet die Milchpreise sinken, dafür hat der Hauptgeschäftsführer des Milchindustrieverbandes eine wundersame Erklärung: Es liege "... an dem derzeit großen Angebot an Milch in Deutschland und Europa. Angesichts der hohen Preise im vergangenen Jahr hätten viele Landwirte die Produktion gesteigert“ (Westdeutsche Zeitung, 8. Juni 2023). An diesem Verband können also die unverschämten Preise nicht liegen. Mitglieder sind dort ja nur rund 90 profitträchtige private, genossenschaftliche und multinationale Unternehmen, darunter so erlauchte Firmen wie Ehrmann, Danone bis Dr. Oetker. Kein Wunder, dass deren Bürgerliche Politische Ökonomie solchen Käse zur Zweckpropaganda verzapft.
Wie jeder Kleinbauer weiß, kann er jederzeit seine Handvoll Kühe in Volllast oder mit Überstunden Milch in beliebiger Menge produzieren lassen oder sie auch auf Kurzarbeit setzen. Fragt sich nur, warum dann 2152 Milchbetriebe allein von Mai 2021 bis Mai 2022 die Produktion eingestellt haben, das sind jeden Tag sechs Betriebe. Kleinbauern ziehen eigentlich handfeste Arbeit Subventionen vor. Großagrarier nutzen dagegen höhere Subventionen zur Ausweitung der Milchproduktion. So wurde, wie schon üblich, weiter mehr Milch produziert als in Deutschland gebraucht wird.
Tatsache ist, dass die Proteste der Milchviehhalter dafür sorgten, dass sie mehr Geld für einen Liter Milch als vor zwei Jahren bekommen (meist 49,6 Cent statt 34,9 Cent). Doch die stetig steigenden Preise für Energie, Futter- und Düngemittel lassen die Kosten gerade der kleinen Milchviehhalter aus dem Ruder laufen. Die Molkereien lassen sich zudem kaum auf verbindliche Verträge ein und drücken den Milchpreis, der inzwischen wieder auf Talfahrt ist.
Im Mai bekamen die Bauern im Norden nicht mal mehr 40 Cent je Liter. Ganz im Süden Deutschlands lagen sie teilweise noch etwas über 40 Cent. Das heißt, die Milchpreise sind von ihrem höchsten Stand bei etwas über 60 Cent Ende letzten Jahres regelrecht abgestürzt um 20 Cent und mehr. Aufgrund der höhere Energie- und Futterkosten der Klein- und Mittelbauern müssten sie mindestens 45, besser 50 Cent, bekommen. Das ist die neue Schmerzgrenze bei konventionell erzeugter Milch. Von 2008/2009 mit über 100 000 Milchviehhaltern hat sich die Zahl inzwischen mehr als halbiert! Die kleinen Milchviehbetriebe sind weiter in ihrer Existenz bedroht. Völlig zu Recht haben sie deshalb auf Initiative des BDM (Bundesverband deutscher Milchviehhalter e.V.) am 1. Juli, dem Weltmilchtag, Proteste organisiert.
Es wäre gerade auch für die klein- und mittelbäuerlichen Milchviehhalter eine gute Gelegenheit, ihre Anliegen bei der 3. Internationalen Bergarbeiterkonferenz bekannt zu machen, und neue Verbindungen zu schaffen. Nur an der Seite der Arbeiterbewegung werden sie eine lebenswerte Perspektive bekommen.
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