Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks

Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks

Grassierende Verarmung, prekäre Jobs und Zunahme psychischer Erkrankungen

Im Mai 2023 wurde die 22. Sozialerhebung des Deutschen Studierendenwerks veröffentlicht. Mehr als 180.000 Studierende an 250 Hochschulen wurden zur wirtschaftlichen und sozialen Lage im Jahr 2021 befragt. Folgende Ergebnisse sind bemerkenswert:

Von einem Korrespondenten aus Göttingen

Enorme soziale Polarisierung

11 Prozent der Studierenden verfügen im Monat über weniger als 400 Euro und 37 Prozent über weniger als 800 Euro. Nur 13 Prozent bekommen BAföG, zumeist so wenig, dass sie nebenher sogar mehr arbeiten als Studierende ohne BAföG. Dagegen hat eine „wohlhabenden Gruppe“ von 25 Prozent der Studenten mehr als 1300 Euro zu Verfügung. Die Gruppe der von Armut betroffenen Studierenden ist während der Weltwirtschafts- und Corona-Krise enorm angewachsen.

Rasch wachsende Mietausgaben

Die Miete ist weiterhin der größte Posten bei den Ausgaben: Im Durschnitt 410 Euro waren es im Frühjahr 2021, also noch bevor durch Inflation und Energiepreis-Spekulation die Preise weiter angestiegen. Bezahlbarer Wohnraum wird für Studierende noch mehr zur Mangelware. Seit 2007 stieg die Zahl der Wohnheimplätze nur um 7 Prozent, während die Zahl der Studierenden um 34 Prozent angestiegen ist. Der BAföG-Patz fürs Wohnen von derzeit 360 Euro im Monat reicht meist nicht einmal für ein WG-Zimmer.

Rückgang der Erwerbstätigkeit und prekäre Arbeitsverhältnisse

Waren 2016 noch 68 Prozent aller Studierenden erwerbstätig, ist ihr Anteil auf 63 Prozent gefallen. Viele verloren durch die Covid-Lockdowns ihre Minijobs. Erstmals wird in der Sozialerhebung genauer auf die Art der Erwerbstätigkeit von Studierenden eingegangen: 31 Prozent jobben zum Beispiel im Supermarkt, in der Kneipe oder in der Pflege. 19 Prozent arbeiten nebenher in ihrem gelernten Beruf. 21 Prozent sind studentische Hilfskraft außerhalb der Hochschule (meist in Forschungseinrichtungen) und 17,8 Prozent als studentische Hilfskraft in der Hochschule. Freiberuflich sind 7,9 Prozent tätig.

 

Kaum ein Wort verliert der Bericht jedoch zu den prekären Arbeitsverhältnissen oder gar dem Fehlen eines Tarifvertrags an Hochschulen und Forschungseinrichtungen! Alleine den 300.000 studentischen Hilfskräften an den Hochschulen wird dieser seit Jahrzehnten verweigert. Die Studie „Jung, akademisch, prekär“, die vom Institut für Arbeit und Wirtschaft in Kooperation mit der GEW und mit Ver.di im Januar 2023 herausgegeben wurde, stellt fest, dass bei diesen Arbeitsverhältnissen im Öffentlichen Dienst selbst gesetzliche Mindeststandards massenhaft gebrochen werden.

 

Der Sozialbericht des Studentenwerks stellt aber auch eine wachsende Durchdringung von Berufsausbildung, Beruf und Studium fest: 25,5 Prozent der Studierenden, das sind mehr als 730.000, haben bereits vor Aufnahme des Studiums bereits einen beruflichen Aus- bzw. Fortbildungsabschluss erlangt. Hinzu kommt, dass heute bereits mehr als 120.000 in dualen Studiengängen sind, die unmittelbar mit einer betrieblichen Ausbildung und Arbeit verbunden sind.

Psychische Erkrankungen nehmen stark zu

16 Prozent aller Studierenden haben eine oder mehrere gesundheitliche Beeinträchtigungen, im Jahr 2016 bei der letzten Sozialerhebung waren es noch 11 Prozent. Dabei nimmt die Zahl der von psychischen Erkrankungen Betroffenen zu: 2021 waren das 65 Prozent aller Erkrankungen, im Jahr 2016 noch 55 Prozent. Matthias Anbuhl, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Studierendenwerks spricht bei der Pressekonferenz zur Veröffentlichung der 22. Sozialerhebung am 24. Mai von einer „Mental-Health-Krise der Studierenden“.¹ Als Ursache gibt er an: „Die psychischen Belastungen der Studierenden sind angesichts der multiplen Krisen unserer Zeit seit dem Sommer 2021 noch gravierender, existenzieller geworden. Sie reichen von Existenzängsten, Zweifeln, depressiven Verstimmungen bis hin zu Suizid-Gedanken.“

 

Daran wird auch ein vom Studentenwerk geforderter „Ausbau der psychosozialen Beratung der Studierendenwerke“ nichts ändern. Sind doch diese Ergebnisse eine einzige Anklage an das kapitalistische Gesellschafts- und Bildungssystem. Die Masse der studierenden Jugend strebt nach einer gründlichen Ausbildung und einem gründlichen Studium. Sie möchte zu Lösungen beitragen, zur Rettung der Menschheit vor der Umweltkatastrophe, zur Beseitigung von Armut, Hunger, Ausbeutung und Unterdrückung. Sie möchten eine friedliche Welt schaffen. Aber dieser Wunsch gerät im bürgerlichen Hochschulbetrieb in einen unlösbaren Widerspruch zur Ausrichtung des Studiums auf den Erhalt des kapitalistischen Gesellschaftssystems, zur Individualisierung der Probleme etc.

 

Die Erfahrungen der Hochschularbeit der Uni-Gruppen der MLPD zeigen, dass die Unzufriedenheit damit und die Suche nach einer Perspektive wächst. Macht mit bei der Vorbereitung eines Studierendenpolitischen Ratschlags!

 

Notwendig ist, dass sich Studierende über die tieferen Ursachen der Krisenentwicklungen im Klaren werden, sich dazu austauschen und besser organisieren. Der Studierendenpolitische Ratschlag am 2. / 3. Dezember diesen Jahres ist dazu genau das Richtige. Dafür werden noch viele Interessierte und Unterstützer gesucht. Siehe dazu www.studierendenpolitischerratschlag.org