Hugo van der Goes

Hugo van der Goes

Ein Bahnbrecher für den Materialismus in der Malerei

Anlässlich seines 540. Todestags hat die Berliner Gemäldegalerie die erste umfangreiche Sonderausstellung des flämischen Malers geplant und in diesem Jahr eröffnet. Hugo van der Goes ist nur wenigen Kunstkennern bekannt.

Von wr

Wohl auch deshalb, weil seine monumentalen Bildwerke auf überdimensionalen, mehrere Meter breiten Altartafeln schwer zu transportieren sind und sich auf Kunstauktionen weniger gewinnbringend verkaufen lassen. Dabei gehört er zu den Kunstschaffenden, die die Malerei zu seiner Zeit im ausgehenden Mittelalter revolutioniert hatten.

 

Neben anderen Malern aus den Niederlanden und aus Belgien prägte er den Stil, der mit den Künstlern der Renaissance seine Fortsetzung und Höherentwicklung fand. Dazu gehörten die italienischen Meister, darunter Leonardo da Vinci, und die in Deutschland schaffenden Künstler wie Dürer, Riemenschneider und andere. Bei van der Goes sieht man keine idealisierten Menschengestalten, wie noch auf den Fresken der Kirchen im Hochmittelalter üblich. Er zeigt die Menschen im Spannungsfeld der Gefühle - zwischen „Schmerz und Seligkeit“, wie die Gemäldeausstellung titelt. Hugo van der Goes betrachtet das kleinste Detail. Auffällig gibt er dabei die Klassenwidersprüchlichkeit in Feinheiten wider: auf der einen Seite den Luxus der in Samt gekleideten Kirchenfürsten und Ritter, auf der anderen Seite ärmlich gekleidete Menschen aus dem Volk, mit deutlich größeren Händen und Füßen, die sie wegen ihrer harten Arbeit kennzeichnen. So zeichnet er auch Jesus am Kreuze als einen geschundenen Proletarier.

 

Die Widersprüchlichkeit kennzeichnete auch das Leben des Malers. Er zog sich als gut situierter handwerklicher Künstler in das Klosterleben zurück. Dort schuf er als Laienbruder seine bedeutendsten Werke mit einer großen Farbenpracht. Er erlag schließlich einer psychischen Erkrankung, versuchte sich das Leben zu nehmen und wurde so der historische Prototyp für das „wahnsinnige Genie“. Jahrhunderte später identifizierte sich Vincent van Gogh mit seinem Leidensweg.

 

Auch in der Malerei vollzog sich - wenn auch nicht zeitgleich - wie in der Philosophie und Wissenschaft der Übergang vom vorherrschenden Idealismus des Mittelalters zum (allerdings noch mechanischen) Materialismus im Schoß der Kirche. Das war auch ein Widerspruch in der dialektischen Entwicklung der Weltanschauung, wie Friedrich Engels feststellte: Der Materialismus „nahm zu Gottes Allmacht seine Zuflucht. Das heißt, er zwang die Theologie selbst, den Materialismus zu predigen.“ (MEW, Bd. 22, Seite 292)

 

Mit diesen Augen gilt es auch heute, die vordergründigen religiösen Motive der alten Meister zu sehen.