Religion

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Papst Benedikt XVI. und die tiefe ideologische Krise der Katholischen Kirche

Zunächst: Wir haben großen Respekt vor Menschen, die sich aus religiöser Überzeugung mutig und selbstlos für die Interessen der Massen einsetzen.

Korrespondenz aus Bochum

Einer der ersten großen Arbeiterkämpfe nach dem Zusammenbruch der DDR war 1993 der Kampf der Bischofferoder Kumpel gegen die Pläne zur Schließung der Kaligruben. Wir arbeiteten sehr eng und freundschaftlich mit den Streikführern zusammen. Sie berichteten beim Grillen im Arbeiterbildungszentrum Gelsenkirchen: Ihren Mut schöpfen sie aus ihrem christlichen Glauben.

 

Zugleich kritisieren wir Religionen und das Verhalten von vielen Kirchenfürsten. Sie sind wichtige Säulen zur Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ausbeutung und Unterdrückung. Viele Regierungsvertreter werden zur Beerdigung nach Rom fliegen. Bei Benedikt kommen selbst manche bürgerliche Zeitungen nicht darum herum, dass er in die Vertuschung von Kindesmissbrauch verwickelt war.

 

Er steht aber auch für die vielleicht tiefste ideologische Krise der Katholischen Kirche! Seit dem finsteren Mittelalter bewahrt die katholische Kirche die Ideologie: Der Papst ist Gottes Stellvertreter auf Erden und macht deshalb nie Fehler. Aber - wie war das noch mit den Frauen, die von der heiligen römischen Kirche der „Hexerei“ bezichtigt und auf den Scheiterhaufen gebracht wurden? 1593 wurde Giordano Bruno, ein ehemaliger Mönch, von der päpstlichen „heiligen Inquisition“ sieben Jahre gefangen gehalten und gefoltert, schließlich dem römischen Gouverneur zur Aburteilung auf dem Scheiterhaufen übergeben. Sein „Verbrechen“: er hielt die Welt für unendlich und die Erde schon gar nicht für dessen Mittelpunkt.

 

In den 1990er-Jahren wurde es in vielen Betrieben modern, die Arbeiter zur Mitarbeit bei der Verbesserung der Produktion herauszufordern („Lean Production“). Das Modell, nach dem der Firmenpatriarch alles weiß, erwies sich als immer weniger dazu geeignet, die komplizierter gewordenen Produktionsprozesse weiterzuentwickeln. Zweifel an der Hierarchie machten auch vor der katholischen Kirche nicht Halt. Umso gespannter waren Katholiken, als der Papst (Johannes Paul II.) für Anfang 2000 ein „Sündenbekenntnis“ ankündigte. Dies wurde am 12. März 2000 nach monatelangen Vorarbeiten im Petersdom in Rom vor der Weltöffentlichkeit vorgelesen. Neben dem Papst sprachen weitere sieben international führende Vertreter der Katholischen Kirche.

 

Den Abschnitt, bei dem es um die Frage ging, ob die Katholische Kirche zum Beispiel bei der Inquisition Verbrechen begangen hatte, trug Kardinal Joseph Ratzinger vor (der spätere Papst Benedikt XVI.). Er war Leiter der päpstlichen Abteilung für Ideologie – im Sprachstil der Kirche: Präfekt der Kongregation für Glaubenslehre. Diese Abteilung hatte früher einmal den Namen „Inquisition“. Warum sie umbenannt worden ist, liegt auf der Hand… .

 

Der entscheidende Satz von Kardinal Ratzinger bei diesem „Sündenbekenntnis“ lautete: „Lass auch jeden von uns zur Einsicht gelangen, dass auch Menschen der Kirche im Namen des Glaubens und der Moral in ihrem notwendigen Einsatz zum Schutz der Wahrheit mitunter auf Methoden zurückgegriffen haben, die dem Evangelium nicht entsprechen.“ (Homepage der Deutschen Bischoffskonferenz, bwk.de, abgerufen am 2.1.23)

 

Der Spitzenvertreter der Abteilung „Heilige Inquisition“ weiß genau, dass diese Abteilung von den Päpsten ins Leben gerufen wurde. Vom Konstanzer Konzil – dem höchsten Gremium der Katholischen Kirche - vor rund 500 Jahren, wurde der böhmische Prediger Jan Hus auf dem Scheiterhaufen ermordet. Das waren nicht „auch Menschen der Kirche“ - sondern die heilige Kirche höchstselbst! „In ihrem notwendigen Einsatz zum Schutz der Wahrheit“ bedeutet nichts anderes, als dass Kardinal Ratzinger und die (!) Katholische Kirche bis heute erklären, es sei „Wahrheit“, dass die Erde Mittelpunkt des Weltalls ist. Nur man hätte die Ketzer nicht unbedingt verbrennen sollen.