Ex-Papst Benedict gestorben

Ex-Papst Benedict gestorben

Ein Heuchler (auch des Missbrauchs) weniger

Wieder einmal ist ein „Stellvertreter von Jesus Christus - Gottes Sohn“, gestorben. Angeblich christliche Regierungen und Medien überschlagen sich in geheuchelten Beileidskundgebungen. Das passt, denn dieser Papst, mit bürgerlichem Namen Ratzinger, war selber einer der größten Heuchler. Dazu ein prägnantes Beispiel.

Gottfried Schweitzer

Wikipedia schreibt, dass „Ratzinger in der Auseinandersetzung mit der 68er Bewegung konservativere Positionen vertrat“ und „unmittelbar betroffen von den Tübinger Studentenprotesten der ausgehenden 1960er Jahre“ war.

Was passierte damals wirklich?

Weltweit protestierten Jugendliche gegen den Vietnamkrieg, gegen Faschismus und Notstandsgesetze, gegen den autoritären und Kapitalismus-hörigen Wissenschaftsbetrieb an Universitäten; lebhafte Auseinandersetzungen über Sozialismus und das Vorbild Kulturrevolution kamen massenhaft in Gang. So auch in Tübingen.

 

Der Rektor dieser Uni, der die Macht eines CEO hatte, versuchte den protestierenden Studenten Wind aus den Segeln zu nehmen, indem er den AStA-Vorsitzenden (gewählter Sprecher aller Studenten) zum Mitglied des Kleinen Senats berief. Das war das allerhöchste, fast heilige Gremium der Uni, in dem außer dem Rektor nur die Dekane – Chefs aller sieben Fakultäten - saßen. Einer davon war Ratzinger. Was der Rektor nicht voraussah: Ich war damals  AstA-Vorsitzender und gehörte dem SDS an (Sozialistischer deutscher Studentenbund). Als ich  jetzt an einer Sitzung des Kleinen Senats teilnahm, lud ich andere Studenten ein, mich zu begleiten. Kurz nach dem Beginn kamen so an die hundert Studenten in den heiligen Saal. Ich hielt eine kurze Rede – ich lass mich nicht als Feigenblatt missbrauchen -, und weitere Studenten klagten die Uni und den Kapitalismus insgesamt an. Alle waren guter Stimmung. Der Rektor und die Dekane kamen nicht zu Wort. Versteinert saßen sie auf ihren Sesseln. Ratzinger mag wohl ein stilles Gebet nach dem anderen geschickt haben, dass die Hölle sich auftun und den Spuk verschlingen solle – aber sie tat es nicht. Da ging er als erster hinaus.

 

Anschließend kritisierte Ratzinger, der bis dahin in Katholikenkreisen als Reformer galt, heftig die gesamte Jugendbewegung, und wandelte sich von Paulus zum reaktionären Saulus. Die Folge: Kein Student kam mehr in seine Vorlesungen; er konnte dort Selbstgespräche führen. Fluchtartig verließ er Tübingen und ging an die Katholische Hochschule Regensburg, wo es keinen SDS gab.

 

In Ratzingers Erinnerungen, in der Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 2. Januar zitiert, liest sich die Episode so: "In Tübingen stürmen marxistisch inspirierte Studenten die Vorlesungen. 'Ich habe das grausame Antlitz dieser atheistischen Frömmigkeit unverhüllt gesehen', schreibt er in seinen Erinnerungen, 'den Psychoterror der Hemmungslosigkeit, mit der man jede moralische Überlegung als bürgerlichen Rest preisgeben konnte, wo es um das ideologische Ziel ging.'"

 

Normal wäre das nur eine von vielen Episoden während der 68-er Jugendbewegung gewesen. Aber der Stachel bei Ratzinger saß tief. Als Professor relativ gescheitert, betrieb er jetzt seine Karriere innerhalb der katholischen Hierarchie – vom Bischof zum Kardinal und dann zum unfehlbaren Stellvertreter Jesu.Vor gut drei Jahren, inzwischen hatte er sich selbst pensioniert, arbeitete er diese Erfahrungen zusammen mit dem Missbrauch zigtausender Kinder durch katholische Priester in aller Welt in einem Hirtenbrief auf. Das Nachrichtenportal der katholischen Kirche in Deutschland begrüßte das mit der Schlagzeile: „Benedikt XVI.: Klima der 68er mitverantwortlich für Missbrauchsskandal." (1)

 

Natürlich gab es in der Jugendbewegung dieser Jahre auch bestimmte kleine Strömungen, die sich mehr mit der eigenen Sexualität als mit dem Kapitalismus beschäftigten, - von den Medien dabei intensiv unterstützt. Aber der Missbrauch von Kindern in Kirchen hat eine Jahrhunderte alte traurige Tradition! Jetzt die 68er dafür verantwortlich zu machen, ist nichts anderes als eine weitere unverschämte Heuchelei. Immer mehr Katholiken kritisieren diesen lügnerischen Umgang mit dem Missbrauch heftig, Hunderttausende treten aus der Kirche aus – immer weniger Priester gibt es. Mit ehrlichen Christen gibt es viele konkrete Aktionseinheiten, gerade in der Frauen-, Friedens- und Umweltbewegung – aber nicht mit Heuchlern à la Benedict!

 

 

¹ https://www.katholisch.de/artikel/21325-benedikt-xvi-68er-sind-verantwortlich-fur-missbrauchsskandal