Offener Brief der VVN-BdA Chemnitz
Mit dem Abrissbagger gegen antifaschistische Erinnerungskultur
Am Ende eines langen Kampfes für eine würdige Gedenkstätte des antifaschistischen Widerstands bei Frankenberg / Sachsen rollen die Bagger und ebnen die KZ-Kommandantenvilla in Sachsenburg ein. Eines der ersten Konzentrationslager in Deutschland und prägende Ausbildungsstätte ungezählter Mörder wird mit Beschluss der Stadt Frankenberg entkernt.
Bereits vor vielen Jahren forderten Justin Sonder, Erich Knorr, Siegfried Streubel, Antifaschisten, alle mit „Erfahrung“ in den KZ Auschwitz, Flossenbürg und Sachsenhausen sowie in faschistischen Zuchthäusern und Gefängnissen bzw. vor Sondergerichten der Wehrmacht: Wie hält es das Land mit einem würdigen Erinnern und Gedenken? Und nun die niederschmetternde Antwort.
Im April 1992 erreichte sie die schlimme Nachricht, dass das Mahnmal am ehemaligen KZ Sachsenburg mit der faschistischen Losung: „Verbrecher sollen Helden sein“ beschmiert und dass Flugblätter der Nazi-Aktivisten verbreitet wurden; dass im Gemeindeanzeiger die Bezeichnung 'KZ Sachsenburg' mit einem Fragezeichen versehen war; dass in der Presse ein großer Leserbrief mit der fordernden Überschrift: „Arbeitsplätze statt Gedenkstätten“ versehen wurde. Geschichtsbewusste Männer und Frauen haben dort, am Erinnerungsort Sachsenburg, hingegen immer nach Kräften gearbeitet, um die Erinnerung wach zu halten.
Auch vielfältige und unterschiedliche Aktivitäten, wie der Offene Brief an den sächsischen Ministerpräsidenten zum Erhalt der Kommandantenvilla durch die VVN-BdA Chemnitz, Proteste der VVN-BdA Sachsen und der Lagerarbeitsgemeinschaft Sachsenburg, Pressebeiträge und der jüngst gestarteten Petition führten nicht dazu, dass die Politik im Freistaat Sachsen eine verantwortungsbewusste Lösung angestrebt oder gefunden hat. ...
Der Abriss eines antifaschistischen Gedenkortes konterkariert die notwendigen Konsequenzen aus der Geschichte und leistet dem erstarkten rechten Gedankengut und neuen Faschisten in unverantwortlicher Weise Vorschub. Eine Gesellschaft, mit der Geschichte wie der unsrigen, hat bei solchen Vorgängen NICHT „gelassen“ zu sein! Sonst verkommen die zum Beispiel alljährlich am 27 Januar vorgetragenen Bekenntnisse, aus der Geschichte gelernt zu haben, zum bloßen Wortgeprassel und zu Lippenbekenntnissen.
Unterzeichner: Peter Blechschmidt, Raimon Brete, Margarete Feigel, Prof. em. Dr.-Ing.habil. Heinz Gläser, Wieland Händel, Wolfgang Heinrich, Dietrich Holz, Paul Jattke, Gabi Jung, Rosemarie Kathert, Dietmar Lehmann, Gerhard Miska, Siegfried Ramm, Claudia und Matthias Schwander, Lieselotte Schwander, Gerda Uhlmann, Dietmar Wendler, Renate Winbrecht, Roland und Roswitha Winkler.