Wirtschaftszahlen

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Erneuter tiefer Einbruch der Weltwirtschafts- und Finanzkrise kündigt sich an

Erschreckt äußern sich zurzeit bürgerliche Ökonomen darüber, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Deutschlands im Frühjahr leicht gesunken ist. „Droht nun eine Rezession?“¹, fragen sie sich ängstlich. Dabei waren alle bis vor kurzem noch frohgemut, dass es wieder aufwärts gehen würde.

Von ba
Erneuter tiefer Einbruch der Weltwirtschafts- und Finanzkrise kündigt sich an
Bulle und Bär vor der Frankfurter Börse (Eva K. (CC BY-SA 2.5))

Nachdem im Jahr 2020 das BIP um 4,6 Prozent schrumpfte, legte es 2021 um 2,9 Prozent auf einen neuen Höchststand von 3,57 Billionen Euro zu. Die Ampel-Koalition verkündete deshalb ganz optimistisch in ihrem Koalitionsvertrag Ende letzten Jahres, dass „Deutschlands Wirtschaft einen neuen Aufbruch“ nehmen würde.

 

Mitte März 22 ging das renommierte ifo-Institut² in seiner veröffentlichten Prognose für das Jahr 2022 noch von einem Wirtschaftswachstum von 3,1 Prozent aus. Und der Internationale Währungsfonds IWF erwartete noch im Mai für 2022 immerhin zwei Prozent Wachstum. In Wirklichkeit wuchs das BIP schon im vierten Quartal 2021 nicht mehr, und im ersten Quartal 2022 legte es auch nur um 0,8 Prozent zu. Nach dem jetzigen leichten Rückgang musste der IWF seine Prognose um 0,8 Prozentpunkte nach unten revidieren. Und das ifo-Institut vermeldete nun: „Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich deutlich abgekühlt.“

 

Der ifo- Geschäftsklimaindex, basierend auf Umfragen vor allem bei den Monopolbetrieben, ist im Juli auf 88,6 Punkte gefallen, nach 92,2 Punkten im Juni. Das ist der niedrigste Wert seit Juni 2020. Ähnliches gilt für die Geschäftserwartungen der Unternehmen der Euro-Zone. „Der erhoffte Post-Corona-Aufschwung fällt aus“, bemerkt das Handelsblatt süffisant.

 

Dabei ist die Entwicklung des BIP in den Ländern weltweit sehr unterschiedlich. Während es in der gesamten Euro-Zone im Frühjahr noch um 0,7 Prozent zulegte, schrumpfte das BIP in den USA im ersten Quartal 22 um 1,6 Prozent und im zweiten Quartal noch einmal um 0,9 Prozent. „Der Einbruch kam für die meisten Ökonomen unerwartet“³ - wieder einmal. Und das BIP Chinas ist im zweiten Quartal um zwei Prozent gegenüber dem Vorquartal geschrumpft, das erste Mal wieder nach dem tiefen Einbruch Anfang 2020. In Japan sinkt das BIP schon seit 2019.

 

Das weltweite BIP hat sich 2021 im Vergleich zum Vorjahr um rund 11 Billionen auf insgesamt circa 96,3 Billionen US-Dollar reduziert⁴. Und das, obwohl das BIP der vier größten kapitalistischen Länder der Welt (USA, China, Japan und Deutschland) 2021 noch zulegte. Da diese vier Ländern mehr als die Hälfte zum globalen BIP beitrugen, sank bei der großen Menge der anderen Länder das BIP drastisch. Wenn jetzt auch in in den größten imperialistischen Ländern das BIP zurückgeht, ist das ein deutliches Zeichen für einen neuen tiefen Einbruch im Rahmen der Weltwirtschafts- und Finanzkrise.

 

Dabei ist das BIP für die Beurteilung der tatsächlichen wirtschaftlichen Entwicklung nur ein ausgesprochen unzuverlässiger Maßstab. Denn es misst nicht nur den Wert der im Inland hergestellten Waren, sondern umfasst auch alle Ausgaben für die so genannten „Dienstleistungen“. Dabei bezieht es eine Unmenge an Dingen ein, die keineswegs produktiv sind. So werden nach Naturkatastrophen wie verheerenden Stürme oder Fluten die Wiederaufbauarbeiten, aber auch die Ausgaben des Staates für Beamtenapparat und Armee in das BIP eingerechnet. Und dazu gehören auch sämtliche durch Kredite finanzierte Staatsausgaben, das heißt die Verschuldung des Staates steigert das BIP!

 

Das reale gesellschaftliche Gesamtprodukt wird in der Industrie, dem Handwerk und der Landwirtschaft erzeugt. Es ist aber wegen der verschleiernden Statistiken der bürgerlichen Ökonomen nur sehr schwer zu ermitteln. Der Kern der gesellschaftlichen Gesamtproduktion, die Entwicklung der Industrieproduktion, ist anders als das BIP aber ein realistischer Maßstab zur Beurteilung der gesamten Wirtschaftsentwicklung. Wenn also sogar das BIP sinkt, ist es um die tatsächliche Entwicklung der Produktion noch viel schlechter bestellt.

 

Die Industrieproduktion der OECD⁵ konnte zwar im ersten Quartal 2022 leicht auf 102,2 Prozent des Vorkrisenstands von Mitte 2018 gesteigert werden. Insbesondere in den besonders von Exporten stark abhängigen Ländern Deutschland, Japan und Frankreich stagnierte die Industrieproduktion aber seit 2021 auf einem Niveau erheblich unter dem Vorkrisenstand (Frankreich -4,4, Japan -7,6 und Deutschland -11,2 Prozent im ersten Quartal 2022).

 

Auch die Industrieproduktion der USA liegt noch um -1,1 Prozent darunter. Die chinesische Industrieproduktion brach im März und April tief ein und stieg auch im Mai nur um 0,7 Prozent⁶. Dagegen konnten eine Reihe neuimperialistischer Länder ihre Produktion bereits seit längerem wieder über den Vorkrisenstand steigern, darunter auch Russland.⁷ Das verschärfte den imperialistischen Konkurrenzkampf erheblich und ist eine wesentliche Ursache des Ukraine-Kriegs. Bei fast allen anderen Ländern der Welt liegt die Industrieproduktion deutlich unter dem Stand von 2018.

 

In Deutschland ist von Januar bis März die Maschinenbau-Produktion gegenüber dem Vorjahreszeitraum bereits um 0,4 Prozent zurückgegangen, der Export um 4,7 Prozent. Seit Anfang des Jahres gehen die Auftragseingänge zurück, im April um 7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, aus dem Inland sogar um 17 Prozent.⁸ Seit Januar geht auch der Auftragseingang im gesamten verarbeitenden Gewerbe zurück, im April um 5,4 Prozent und im Mai um 3,1 Prozent.⁹ Im Juni fielen die Pkw-Neuzulassungen in der EU um 15,4 Prozent auf 886.510 Fahrzeuge, am stärksten in Deutschland mit -18,1 Prozent. Das ist der tiefste Stand in einem Juni seit dem Jahr 1996.¹⁰ Ein „wirtschaftlicher Aufbruch“ ist also keineswegs in Sicht!

 

Der Börsenwert der 100 größten aktiennotierten Monopole in der Welt ist angesichts der zu erwartenden Vertiefung der Weltwirtschaftskrise im ersten Halbjahr 2022 um 17 Prozent gesunken, alle großen Aktienindizes verzeichnen aktuell Rückgänge zwischen 8,5 und 30,6 Prozent gegenüber dem Höchststand 2021/22. Allein dadurch wurden im ersten Halbjahr 2022 bereits 6,1 Billionen US-Dollar an Kapital vernichtet.

 

Auch der Bankensektor zeigt verstärkte Krisenerscheinungen. So haben die größten US-Banken massive Gewinneinbrüche gemeldet. Das Investmentbankgeschäft, ein wichtiger Indikator für die Wirtschafts- und Finanzentwicklung, ist eingebrochen.¹¹ Der Chef der deutschen Finanzaufsicht Bafin, Mark Branson, warnt vor heftigen Einschlägen im Bankenwesen: „Wir wissen nicht, wo der Blitz einschlagen wird.“¹² Und die weltweite Verschuldungskrise verschärft sich unaufhaltsam. Sie stieg 2021 auf ein neues Rekordhoch von 303 Billionen US-Dollar. Das ist doppelt so hoch wie 2011 und mehr als das Vierfache der aktuellen globalen Wirtschaftsleistung. Der Gegensatz zwischen Rückgang der Industrieproduktion und des BIP und dem wie nie zuvor anwachsenden Schuldenberg kann leicht in einem offenen Ausbruch der globalen Finanzkrise münden.

 

Der sich abzeichnende neue Einbruch in der Weltwirtschafts- und Finanzkrise ist ein wesentlicher Faktor der akuten Gefahr eines Dritten Weltkriegs – eines vermeintlichen "Auswegs" für die imperialistischen Staaten durch die Vernichtung ihrer Konkurrenten im Kampf um die Vormachtstellung in der Welt und die Ankurbelung der Rüstungsproduktion.