Jugend und Rentenlüge
Alt und Arm – heute mit der Rente beschäftigen – aber wie?
Das Jahr 2022 hat weltweit unter dem Eindruck der fahrlässig noch immer nicht überwundenen Corona-Pandemie mit Rückblicken und Ausblicken begonnen. Ausblicke beschäftigten auch die Jugendforscher Simon Schuetzler und Klaus Hurrelmann in einer Studie der Hertie School.
„Das Gefühl der Unsicherheit spiegelt sich der Untersuchung zufolge auch in großen Zukunftssorgen wieder, die die Jugend heute hat. Nach Corona bereiten den jungen Menschen vor allem die Umweltkrise (56 Prozent) und ein möglicher Zusammenbruch des Rentensystems (48 Prozent) sowie die Folgen der Inflation (46 Prozent) Sorgen. Kein „Gefühl der Unsicherheit“, sondern eine bittere materialistische Einschätzung: In den letzten 20 Jahren stagnierten die Reallöhne für die breiten Massen, Stellen für Berufsanfänger und die Masse der Jugend sind heute oft befristet und schlecht bezahlt.
Fast die Hälfte der jungen Singles zwischen 25 und 35 Jahren ist nach der offiziellen Definition von Armut bedroht. Besonders betroffen sind junge Mütter, die wegen der Kinder die Berufstätigkeit aussetzen und danach weit unter ihrer Qualifikation in gering bezahlten Jobs arbeiten müssen. Mit 45 Jahren Arbeit wird die Altersrente für die Massen bei 1160 Euro liegen. Bei einem Brutto von mindestens 3200 Euro kämen sie auf 1500 Euro. Nun kommt Finanzminister Lindner um die Ecke und verspricht, dass die Beiträge für die Rentenversicherung voll von der Steuer abgesetzt werden können. Nur die wenigsten können das überhaupt geltend machen. Wahrlich eine beschämende und ernüchternde Entwicklung für so ein reiches Land.
Mit dem Schlagwort der bürgerlichen Politiker und der Unternehmerverbände von „Generationengerechtigkeit“ soll von den Ursachen des kapitalistischen Lohnsystems und der verschärften Ausbeutung in der Weltwirtschafts- und Finanzkrise seit 2018 abgelenkt werden. Ihr Ziel ist, mit einer scheinheiligen Gerechtigkeitsdebatte eine reaktionäre Spaltung zwischen Jung und Alt zu organisieren. Viele Jugendliche haben sich in der Corona-Pandemie vorbildlich für den besonderen Schutz der alten Menschen eingesetzt, ließen sich impfen und sorgten mit Konzerten von den Balkonen für eine kulturelle Bereicherung der stark isolierten alten Menschen in den Seniorenheimen. Allerdings herrscht auch einige Verwirrung unter den jungen Leuten, wenn sie sich von der FDP-Propaganda beeindrucken lassen, was auch im Stimmenanteil der FDP bei den Bundestagswahl zum Ausdruck kommt.
Wie mit der Rentenfrage umgehen? Die neue Ampel-Koalition versprach eine innovative Abhilfe, nachdem das Blümsche Versprechen „die Rente ist sicher“ längst krachend gescheitert war: Überlasst die Rentenversicherung dem freien Kapitalmarkt und der Börse. So offen können sie es nicht sagen – aber „der Einstieg in die Kapitaldeckung zur Stabilisierung der gesetzlichen Rente“ kommt der Forderung von BDA-Präsident Rainer Dulger „Wir müssen weg kommen von der heutigen Garantiezusagen der Renten und mehr aktienbasierte Vorsorge ermöglichen“ diensteifrig entgegen. Der weltweite Raubzug des internationalen Finanzkapitals auf Einrichtungen zur Daseinsfürsorge wie Krankenhäuser, Schulen, Rentenversicherung usw. hat schon lange begonnen. Mit der „kapitalmarktbasierten Vorsorge“ wurden schon Millionen „Riester-Rentner“ um Ersparnisse betrogen. Aktuell fordert der Verband der Versicherungswirtschaft (GDV), dass die Garantie des Beitragserhalts aus der Riesterrente von 100 auf 80 Prozent gesenkt wird. Das ist nur ein Vorgeplänkel für die heutige Umverteilung der von den Massen erarbeiteten Rentenbeiträge in die Spekulationskassen des internationalen Finanzkapitals.
Mit der Diskussion über eine Aktienvorsorge, die sich an die Jugend richtet, werden sie auf eine individuelle Beschäftigung mit Versicherungen, Hauskauf usw. auf eine Lösung der Altersvorsorge im Kapitalismus orientiert. In der WAZ vom 03.01.2022 wird vorgeschlagen, dass die Großeltern oder Eltern sofort nach der Geburt anfangen, in Extchange Tradede Funds (ETFs = börsengehandelte Indexfonds) für die Kinder einzubezahlen. Wir sagen: Jung und Alt müssen sich zum gemeinsamen Kampf zusammenschließen, sich austauschen und auseinandersetzen, sich Klarheit über die Ursachen der Rentenlüge verschaffen und sich für eine wirklich zukunftsorientierte "Generationengerechtigkeit" im echten Sozialismus einsetzen.