Sauerlandlinie A45

Sauerlandlinie A45

Gefährliche Schäden an Talbrücke bei Lüdenscheid - Sperrung unumgänglich

Seit Anfang Dezember ist die A45, wichtige Verkehrsachse zwischen Frankfurt und dem Ruhrgebiet, bei Lüdenscheid voll gesperrt. Das soll mindestens drei Monate dauern, für schwere LKW wird die alte Brücke nie mehr befahrbar sein. Ein Neubau dauert Jahre.

Von Korrespondenten / gis
Gefährliche Schäden an Talbrücke bei Lüdenscheid - Sperrung unumgänglich
Rahmedetalbrücke kein Einzelfall - entlang der Sauerlandlinie müssen rund 70 Talbrücken erneuert werden

Gefahr im Verzug

Die Talbrücke Rahmede bei Lüdenscheid weist schwere gefährliche Schäden auf. Die Untersuchungen durch Experten ergaben, dass die Brücke den Schwerlastverkehr nicht mehr aushält und sogar Einsturzgefahr bestand. Gedanken an Genua, August 2018, werden wach. Damals starben 42 Menschen, als eine Autobahnbrücke zusammenbrach. Die sofortige Vollsperrung der Sauerlandlinie an dieser Stelle war unumgänglich. Elfriede Sauerwein-Braksiek, Leiterin der Niederlassung Westfalen der Autobahn GmbH des Bundes, sprach am Mittwoch im Verkehrsausschuss des Landtags von Nordrhein-Westfalen von einer dramatischen Lage. Den LKW-Fahrern und den Menschen in Lüdenscheid und Umgebung braucht sie das nicht zu erzählen: Totales Verkehrschaos, in den engen Straßen stauen sich die LKWs, Pendler müssen riesige Umwege fahren, Pflegedienste kommen nicht durch, die Anwohner können wegen der Autoabgase nachts ihre Fenster nicht mehr öffnen. Normalerweise fahren über die jetzt gesperrte Rahmedetalbrücke bis zu 65.000 Fahrzeuge pro Tag. Ein Großteil davon quält sich nun durch die Lüdenscheider Innenstadt.

Weiträumige und vielfältige Auswirkungen

Der umgeleitete Verkehr trifft auf eine ohnehin schon angespannte Verkehrslage. So ist die Leverkusener Brücke der A1 bereits länger für den LKW-Verkehr gesperrt. Auch die A3 ist extrem belastet. Der Verkehr wird schon ab Frankfurt und ab der A2 großräumig umgeleitet – „und da bleibt nur die A3“, hieß es. Die A43 wird in den nächsten Wochen zeitweise ebenfalls gesperrt - wegen einer maroden Brücke über den Rhein-Herne-Kanal.

Schäden entwickelten sich nicht von gestern auf heute

Um zumindest den PKW-Verkehr zu ermöglichen, soll es eine Notverstärkung an der Brücke geben. In der Zwischenzeit werde auf der Talbrücke eine Schrankenanlage installiert. Sie wird sicherstellen, dass keine LKW über die Brücke fahren. Die Lage ist so ernst, dass noch nicht mal Winter-Räumfahrzeuge über die Brücke fahren dürfen. Die Schäden können dazu führen, dass Nähte und Stahlteile schlagartig versagen. "Durch eine Nachrechnung von Brücken lassen sich – noch bevor Schäden auftreten – deren Defizite im Tragverhalten rechnerisch aufdecken, um mit diesem Wissen gezielte Verstärkungsmaßnahmen angehen zu können. Allgemeiner Erkenntniswert aus bisherigen Nachrechnungen ist, dass die Reserven der älteren Brücken in vielen Fällen weitgehend aufgebraucht sind und Handlungsbedarf besteht." Recht viel konkrete Schlussfolgerungen zog man aus dem "allgemeinen Erkenntniswert" jahrzehntelang nicht.

Chronologie von Schlamperei und Versäumnissen - "zu teuer"

Das berüchtigte "Auf-Sicht-Fahren" feiert fröhliche Urständ - wenn es nicht so traurig wäre. Der Beschluss zum Neubau war bereits 2014 getroffen worden. Im Jahr 2015 wurde festgelegt, dass der Neubau 2018 beginnen und 43,5 Millionen Euro kosten solle. Schon 2011 hatte die Brücke bei der Hauptprüfung die Note "nicht ausreichend" bekommen. Deshalb sollte 2015 zunächst eine Adhoc-Instandsetzung durchgeführt werden. Dabei wären die jetzt verformten Stahlelemente verstärkt worden. Dauer der Maßnahme: etwa ein Jahr. Kosten: 18,67 Millionen Euro. Doch dazu kam es nicht: „Die Adhoc-Instandsetzung ist nicht durchgeführt worden, sondern es gab damals zunächst die entsprechenden Untersuchungen. Eine Verstärkung hätte sich als sehr komplex dargestellt und hätte auch nicht die gewünschten Ergebnisse geliefert. Man hat sich auch aus Wirtschaftlichkeitsgründen gegen eine solche Maßnahme entschieden", antwortete die Autobahn GmbH am Montag. Jetzt, fünf Jahre später, wird genau diese Maßnahme durchgeführt. 2017 wurde der Talbrücke Rahmede bei der Brückenhauptprüfung wieder ein „nicht ausreichender Zustand" attestiert. Die Nachrechnung unterblieb, der Neubaubeginn wurde zwischenzeitlich auf 2026 terminiert. Jetzt soll es schneller gehen. Kapitalistenverbände fordern schon mal das Aussetzen von Umweltverträglichkeitsprüfungen.

Dringlicher denn je: Verlagerung des Güterverkehrs auf Schienen und Wasserwege!

Der sprunghaft wachsende Verkehr mit immer schwereren Lkw auf Autobahnen setzt älteren Brücken zu. Die zulässigen Achslasten und Gesamtgewichte wurden in den letzten Jahrzehnten immer wieder erhöht. In den 1950er-Jahren orientierte sich das zulässige Gesamtgewicht am Gesamtgewicht einer 24-t-Dampfwalze. Heute darf ein Fahrzeug maximal 44 t wiegen und ist somit fast doppelt so schwer. Seit Jahrzehnten wird der Güterfernverkehr in Deutschland von der Schiene auf die Straße verlagert. Die Verkehrspolitik der Bundesregierung geht zu Lasten der Umwelt, der Fahrer, der Anwohner, der Kleingewerbetreibenden. Der Güter-Fernverkehr gehört auf die Schiene und er gehört reduziert. Massenhaft werden unnötige Transporte über die Autobahnen abgewickelt, weil aus Profitgründen nicht dort produziert wird, wo die Güter gebraucht werden. Höchste Zeit für eine breite Massendiskussion darüber, wie ein umweltverträglicheres Verkehrssystem schon heute unter kapitalistischen Bedingungen erkämpft werden kann und wie es im echten Sozialismus verwirklicht werden wird!