Bildbetrachtung
George Grosz malt ein Begräbnis
Im April 2021 starteten wir das neue Format "Bildbetrachtung auf Rote Fahne News". Es bietet den Leserinnen und Lesern eine Möglichkeit, sich die Welt der Bilderkunst zu erschließen.
Die Betrachtungen zeigen: seit es Herrschende und Beherrschte gibt, gibt es keine Kunst, die nicht mehr oder weniger offen den Interessen einer bestimmten gesellschaftlichen Klasse oder Schicht dient. Heute geht es weiter mit einem Bild von George Grosz. Die Links zu den bisherigen Artikeln sind am Ende des Textes zu finden.
Auffällig ist im Übergang zum 20. Jahrhundert, dass die Malerei zunehmend in verschiedenste Richtungen zerfasert: Jugendstil, Symbolismus, Fauvismus, Expressionismus Konstruktivismus, Dadaismus, Surrealismus, Kubismus usw. - manche Maler gleiten in völlige Abstraktion ab. Gleichzeitig tritt der Warencharakter der Kunst mehr und mehr in den Vordergrund, Galerien sprießen aus dem Boden, Bilder werden zur Geldanlage und Spekulationsobjekten und zum Massenprodukt. Die Malerei ist also nicht losgelöst von der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung dieser Zeit: Es bilden sich der Monopolkapitalismus und Imperialismus heraus - der Kapitalismus geht in die Phase seiner unumkehrbaren allgemeinen Krise über. Auch in der Malerei spiegeln die verschiedenen Richtungen die allgemeine Ausprägung des kapitalistischen Konkurrenzprinzips und des Individualismus auf neuer Stufe wieder.
Aber es gibt auch die Gegenbewegung: Maler setzen ihre Fähigkeiten ein, um den Kapitalismus anzuprangern, seine Erscheinungen der Armut, seine Schrecken, seine Menschenverachtung, seinen Militarismus. Etliche Maler verarbeiten ihre Erfahrungen im I. Weltkrieg. Dazu gehören zum Beispiel Otto Dix, Käte Kollwitz, John Heartfield, George Grosz. Sie stellen sich auf die Seite der Arbeiterklasse, manche treten nach der Novemberrevolution in die KPD ein.
Das relativ kleine Bild von George Grosz hängt in der Stuttgarter Staatsgalerie. Grosz widmet dieses Werk dem Psychiater und Schriftsteller Oskar Panizza, der Militarismus und jede religiöse Autorität ablehnte: „Kein Gott, kein Kaiser noch Tribun“. Mitten im Inferno sitzt der Knochenmann auf des toten Mannes Kiste, säuft Schnaps. Feuerrot sind die schwankenden Fassaden. Sie wogen hin und her, als würden sie gleich auf die vorbeiziehenden Massen stürzen.
Der Zug geht von rechts oben nach links unten. Die Straße ist voller wirrer, verbogener und übereinander gehäufter Gestalten und wird immer steiler. Ein höllischer Abgrund, der von verdrehten und grotesken Begleitern bevölkert wird - wie eine riesige Kehrschaufel, die bereit ist, alles im Müllhaufen der Geschichte verschwinden zu lassen. Wir sehen Militaristen, Mörder, Alkoholiker und Syphilitiker, Bourgeois, Prostituierte, Polizisten und Pfaffen. Die bürgerliche und die Reste der faulenden feudalen Gesellschaft stürzen ab und reißen alles mit sich. Ein apokalyptisches Tohuwabohu.
Grosz (1893 – 1959) hat die imperialistische Barbarei des I. Weltkrieges hautnah erlebt, wurde beinahe verrückt und entkam gerade noch dem Standrecht. Er wird aus dem Wehrdienst entlassen. So setzt er sich hin und bannt das ganze menschenverachtende Chaos in Bilder.
Die Worte Rosa Luxenburgs „Sozialismus oder Barbarei“ hatte er beim Malen noch nicht im Kopf: Die Novemberrevolution begann erst nach Fertigstellung des Bildes. Wenig später wird er sich in der neu gegründeten KPD organisieren. Wie sein Freund, der Künstler John Heartfield, vormals Helmut Herzfeld, wollte er keinen deutschen Namen mehr tragen. Er nannte sich ab 1916 George Grosz. Seine Bilder mahnen noch heute zum Kampf gegen die kapitalistische Dekadenz und Barbarei. Er selbst hat die positive Antwort erlebt: die Oktoberrevolution und den Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion und anderen Staaten.
- Hier der Link zum ersten Artikel der Folge, der Albrecht Dürers "Ritter, Tod und Teufel" gewidmet war.
- Hier der Link zum zweiten Artikel der Folge: Bergbau und Bergleute auf dem Annaberger Altar
- Hier der Link zum dritten Artikel der Folge: Velazquez und die Übergabe von Breda
- Hier der Link zum vierten Artikel der Folge: "Menzel malt das Eisenwalzwerk"
- Hier der Link zum fünften Artikel der Folge: "Monet und der Bahnhof Saint Lazare"
- Hier der Link zum sechsten Artikel der Folge: "Paul Cézanne: La table de cuisine (Der Küchentisch)"