Bildbetrachtung
Paul Cézanne: „La table de cuisine“ (Der Küchentisch)
Im April 2021 starteten wir das neue Format "Bildbetrachtung auf Rote Fahne News". Es bietet den Leserinnen und Lesern eine Möglichkeit, sich die Welt der Bilderkunst zu erschließen.
Die Betrachtungen zeigen: seit es Herrschende und Beherrschte gibt, gibt es keine Kunst, die nicht mehr oder weniger offen den Interessen einer bestimmten gesellschaftlichen Klasse oder Schicht dient. Die Links zu den bisherigen Artikeln sind am Ende des Textes zu finden. Nach einer längeren Sommerpause setzen wir die lose Folge heute mit "La table de cuisine" (Der Küchentisch) von Paul Cézanne fort.
Cézanne (1839 – 1906) hat in seinem Leben nie für seinen Unterhalt arbeiten müssen. Sein Vater, ein Banker, überwies ihm monatlich Geld. Der Einberufung zum Wehrdienst 1870 entzog er sich. Er wurde im Januar 1871 als Fahnenflüchtiger denunziert, konnte sich jedoch gut verstecken. Nach der Niederschlagung der Pariser Commune kehrte er im Mai 1871 nach Paris zurück.
Die herrschende Klasse förderte neoklassizistische und romantische Künstler. Und der Bau der 1875 begonnenen Basilika „Sacré-Cœur de Montmartre“, sollte ausdrücklich der „Abbüßung der Verbrechen der Kommunarden“ dienen. Der ganzen Prunk und Pomp vergangener Zeiten sollte wieder her. Politisch linke und aufrührerische Bilder waren verboten. Kirschen zu malen, war wegen ihrer roten Farbe nahe an der Grenze des Erlaubten. Zumal sie an das bekannte Liebeslied „Le temps de Cerises“- „Die Zeit der Kirschen“, erinnerten, das einen Bezug zur Pariser Commune enthält.
Cézanne malt in verschiedenen Stilrichtungen: anfangs noch von der Romantik geprägt, gelangte er dann in der Auseinandersetzung mit den Impressionisten zu einer neuen Form, die in seinen Stillleben sichtbar wird. In seinem Atelier beschäftigte er sich immer wieder mit wenigen Gegenständen - manchmal nur mit Äpfeln, ein anderes Mal mit Birnen oder mit Orangen.
Der Blick fällt von oben auf einen Tisch in einer schlecht aufgeräumten Küche. Die Farben Grün, Rot, Gelb und Blau sind in allen Teilen des Bildes wirksam. Das Tischtuch und das Tuch in dem Korb verstärken die Farben und verdeutlichen die Komposition. Es wirkt eher zufällig, aber tatsächlich ist nichts dem Zufall überlassen, sondern bewusst geordnet. So stellt man sich den Herbst vor mit all seinen schönen und leuchtenden Farben.
Wir erkennen alles sofort und doch sieht ein Küchentisch in der Wirklichkeit so nicht aus. Der tönerne Olivenkrug und insbesondere der Früchtekorb stehen so knapp an der Tischkante, dass der Betrachter glaubt, gleich kippt er und fällt. Auch ist der horizontale Korbrand dem Rand des Tisches angepasst und hält das Bild in der Schwebe. In Wirklichkeit müsste dieser Rand viel runder sein. Manche Früchte sind zu groß und andere wieder viel zu klein gemalt. Cézanne ignoriert die Gesetze der Perspektive im Sinne der Zentralperspektive mit einem fixen Betrachterstandpunkt. Er will nicht einfach die Natur realistisch wiedergeben. Ihm sind die Objekte und ihr Verhältnis zueinander, ihre bewusst komponierte Ordnung in einem Muster von Flächen und Farben wichtiger. Im Ergebnis will er das für ihn Wesentliche der Gegenstände, nicht ihre zufällige, flüchtige Erscheinung herausstellen.
Damit zeigen diese Bilder das Bemühen, den Erscheinungen der Dinge auf den Grund zu gehen. Das ist kein Zufall in einer Zeit, in der auch Wissenschaftler tiefer in die Natur eindrangen und neue Bewegungsgesetze entdeckten: wie Charles Darwin (Evolutionsgesetze), Hermann von Helmholtz (Energieerhaltungsgesetz u.a.), Heinrich Hertz (elektomagnetische Wellen) und viele weitere Gesetze in der Chemie, Physik und Biologie.
In der zeitgenössischen Kunstkritik rief Cézannes Malerei Unverständnis und Spott hervor. Aber nach seinem Tod orientierten sich an seinem Werk bedeutende Künstler – unter anderem Henri Matisse, Georges Braque oder Pablo Pisasso. In der Bevölkerung sind seine Bilder mit ihrer freundlichen und optimistischen Perspektive immer noch sehr beliebt.
- Hier der Link zum ersten Artikel der Folge, der Albrecht Dürers "Ritter, Tod und Teufel" gewidmet war.
- Hier der Link zum zweiten Artikel der Folge: Bergbau und Bergleute auf dem Annaberger Altar
- Hier der Link zum dritten Artikel der Folge: Velazquez und die Übergabe von Breda
- Hier der Link zum vierten Artikel der Folge: "Menzel malt das Eisenwalzwerk"
- Hier der Link zum fünften Artikel der Folge: "Monet und der Bahnhof Saint Lazare"