Dialektischer Materialismus / Kultur

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Beethoven und die künstliche Intelligenz

Unglaublich: Am 9. Oktober 2021 wurde die potenzielle 10. Sinfonie Ludwig van Beethovens uraufgeführt! Wie geht das? Beethoven ist doch nach seiner 9. Sinfonie verstorben! Hat tatsächlich eine künstliche Intelligenz Beethovens geplante 10. Sinfonie zu Ende komponiert? Kann „Künstliche Intelligenz“ Beethoven ersetzen?

Von cw
Beethoven und die künstliche Intelligenz
Ludwig van Beethoven (grafik: gemeinfrei)

Es stimmt: Beethoven hat einige Dutzend Ideenskizzen für eine 10. Sinfonie hinterlassen. Nun hat im Auftrag der Deutschen Telekom ein Team aus Musikwissenschaftlern, Komponisten und Computerfachleuten - unterstützt von Künstlicher Intelligenz - ihrem eigenen Anspruch zufolge die 10. Sinfonie Beethovens beendet.

 

Das Ergebnis – aufgeführt am 9. Oktober vom Beethoven-Orchester Bonn - kann man sich auf der Internetseite der Telekom anhören. Man muss kein Beethoven-Kenner sein, um sich zu fragen: Ist das jetzt „Beethoven“ oder werden nur ähnlich klingende Versatz-Stücke von Beethoven etwas verändert zusammengestückelt? Sicher, es gibt wuchtige Motive und dynamische Elemente, wie sie ähnlich bei Beethoven klingen, aber sie wirken ziellos. Im Ergebnis wurde eine formalistische „Als-ob“-Sinfonie konstruiert. Der ehemalige Leiter des Bonner Beethoven-Archivs, Bernhard Appel, findet das Ergebnis „völlig banal“, und ihn packt „das Grausen, wenn er die Ansammlung musikalischer Stereotype“ hört.¹

 

Hätte das Team es besser machen können? Nein! Der Grund liegt darin, dass die ganze musikalische Kompetenz des Erstellungsteams, samt dem Einsatz der Künstlichen Intelligenz, völlig außer Acht lässt, dass Beethoven keineswegs nur musikalische Formen entwickelte: Er ist bis heute lebendig durch die Verbindung von bahnbrechender Musik und revolutionärem Engagement. Beethoven lebte in einer Zeit, in der es galt, die bürgerliche Revolution im Kampf gegen das überholte Feudalsystem durchzuführen. Und Beethoven war Teil dieser Revolution und wollte mit seiner Musik dazu einen Beitrag leisten. So schuf er musikalische Werke, in denen sich die Menschen mit ihren besten Freiheitsgefühlen wiederfinden. Das Telekom-Team reduziert sich metaphysisch auf musikalische Formen und ignoriert die Einheit von Denken, Fühlen und Handeln Beethovens und seine gesellschaftliche Rolle und Absicht. Beethovens Musik spiegelt dagegen die reale Widersprüchlichkeit des damals aufstrebenden Bürgertums und auch seines eigenen Lebens wider - in all seinen Kämpfen, Höhen und Tiefen. Das war der materielle Hintergrund, dass er eine Musik entwickelte, die die gesamte Palette an Stimmungen und Farben menschlicher Gefühle darstellen konnte. Seine Schöpferkraft erwuchs aus einer dialektischen weltanschaulich, politisch und gefühlsmäßigen Einheit, aus der Einheit von Theorie und Praxis - diese kann keine Künstliche Intelligenz erzeugen.

 

Sicherlich: Die Künstliche Intelligenz kann auch bei der Automatisierung von Kopfarbeit nützlich sein. Aber kein Superrechner kann seine Rechentätigkeit dialektisch in den allseitigen Zusammenhang einordnen. So wurde der Superrechner zwar mit den Werken von Beethoven, Bach, Mozart und Haydn gefüttert. Aber die Experten gaben dann die thematische Struktur vor und der Rechner wandte so die vorher von Menschen eingegebenen Regeln an, lieferte Noten, die dann von Menschen weiter bearbeitet wurden. Die Künstliche Intelligenz bleibt also ein Werkzeug der eingesetzten menschlichen Fähigkeiten, ersetzt aber nicht die dialektisch-materialistische Denkweise des Menschen.