Bildbetrachtung
Monet und der Bahnhof Saint Lazare
Im April starteten wir das neue Format "Bildbetrachtung auf Rote Fahne News". Es bietet den Leserinnen und Lesern eine Möglichkeit, sich die Welt der Bilderkunst zu erschließen.
Die Betrachtungen zeigen: seit es Herrschende und Beherrschte gibt, gibt es keine Kunst, die nicht mehr oder weniger offen den Interessen einer bestimmten gesellschaftlichen Klasse oder Schicht dient.
- Hier der Link zum ersten Artikel der Serie, der Albrecht Dürers "Ritter, Tod und Teufel" gewidmet war.
- Hier der Link zum zweiten Artikel der Serie: Bergbau und Bergleute auf dem Annaberger Altar
- Hier der Link zum dritten Artikel der Serie: Velazquez und die Übergabe von Breda
- Hier der Link zum vierten Artikel der Serie: "Menzel malt das Eisenwalzwerk"
Heute: Monet und der Bahnhof Saint Lazare
In der Malerei widerspiegeln sich - wie in den politischen, philosophischen und religiösen Auffassungen einer Klassengesellschaft - auch die ökonomischen Verhältnisse. Also nicht verwunderlich, dass die erstarkten Fabrik- und Bankherren in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts kaum mehr religiöse oder historische Gemälde in Auftrag gaben. Es musste meist ein ehrgebietendes Porträt des Börsenfürsten oder seiner Erben sein - steif und voller nationaler Begeisterung. Damit führten sie eine lange Entwicklung der europäischen Kunst fort, die bestimmte starre Formeln für die Wiedergabe einzelner Dinge herausgebildet hatte.
Die Impressionisten beschäftigten sich dagegen mit der Unbeständigkeit und Veränderlichkeit des Sonnenlichts, der farbigen Hülle der Dinge, dem Flimmern der Luft, usw. Sie erfassten den flüchtigen, einmaligen Moment, die Stimmungen und menschliche Gefühle. Damit geht es den Impressionisten weniger um das, was ist, sondern was wird, wie es sich bewegt, verändert. Diese Wahrnehmung der Realität ist von der Dialektik inspiriert, vom Kampf und Einheit der Gegensätze. Mit diesem Blick und Gefühl für eine bewegte Realität gelangten sie zu einer Revolutionierung der Malerei.
Als Claude Monet dieses Bild malt, ist er gerade von Argenteuil nach Paris umgezogen. Er und seine Freunde hatten sich mehrere Jahre lang mit der Darstellung ländlicher Motive beschäftigt. In der Großstadt faszinieren Monet unter anderem die neuen Bahnhöfe. Er stellt bei der Stadt Paris den Antrag, im Bahnhof Saint Lazare malen zu dürfen. Das war nicht selbstverständlich, denn noch galt 1877 das Kriegsrecht, und die Pariser Commune lag wie ein Alptraum auf den Herzen der herrschenden Klasse.
Für Monet war dieser Bahnhof Saint Lazare tatsächlich der ideale Ort, ein neuartiges Motiv aufzunehmen mit wechselndem Licht, Zügen, Dampfwolken und Reisenden. Monet malt eine ganze Gemäldeserie mit verschiedenen Standorten, darunter auch Ansichten von der weiträumigen Halle. Trotz der sichtbaren statischen Metall-Glas-Architektur erkennt der Maler die Bewegung der ankommenden und abfahrenden Züge, die Farb- und Lichteffekte.
Die Impressionisten konnten durch ihre Methoden die visuellen Vorstellungen erneuern, indem sie die Oberflächen von Gegenständen in ihre Bestandteile (Farbflecken) zerlegten, um sie bei der Betrachtung des Bildes wieder entstehen zu lassen. Betrachtet man den dargestellten Bahnhof ganz aus der Nähe, dann erkennt man nur kleine, scheinbar nachlässige und ungeordnete Farbflecken und Pinselstriche. Tritt man nur wenige Schritte zurück, fügt sich der Bahnhof wieder zusammen und wir erkennen seine brodelnde Dynamik wieder. Das ist eine Fähigkeit unseres Auges, Dinge im Kopf zusammenzufügen und zu ergänzen. Die Impressionisten nutzten so die damaligen neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft. So auch das „Farbrad“, das im 18. Jahrhundert entwickelt und von Claude Monet verwendet wurde: Die Farben Rot, Gelb und Blau werden als Grundfarben angenommen. Die komplementären Paare sind rot-grün, blau-orange und gelb-lila.
Wenn man im Museum vor dem Gemälde steht, meint man den Dampf und den Geruch von verbrannter Kohle und Schmieröl fast zu spüren. Ein Highlight der damaligen Industrie-Malerei.