Leserbrief

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Kritik am Begriff Konzentrationslager

Liebe Redaktion von "Rote Fahne News", im Artikel über Moria letzte Woche (Dienstag oder Mittwoch) wurde der Begriff "Konzentrationslager" für Moria verwendet. Das ist nicht richtig, denn KZs sind eng an den deutschen Faschismus gebunden.

Korrespondenz aus Berlin

Sie waren ausdrücklich Ausbeutungs-, Arbeits- und Vernichtungslager der Faschisten gegen politische Gegner und Menschen, die sie aus rassistischen Gründen vernichten wollten. Das sind die Flüchtlingslager heute nicht, obwohl es dort Stacheldraht, Polizeigewalt- kurz faschistoide, menschenunwürdige Verhältnisse gibt.

 

Noch können sich die Menschen dort trotz allen Elends organisieren und kämpfen. Es sind die gleichen Wurzeln der imperialistischen Flüchtlingspolitik und des Faschismus - aber noch unterschiedliche Herrschaftsmethoden. Der Faschismus ist die am meisten terroristische Herrschaft des Monopolkapitalismus. Es ist eine Verharmlosung der faschistischen KZ, diese mit Moria und Co. gleichzusetzen. Deshalb sollten wir den Begriff Konzentrationslager nur im Zusammenhang damit verwenden.

Antwort der Redaktion und der Autorin Lisa Gärtner

Wir bedanken uns für die Zuschrift. Die Kritik an der Verwendung des Begriffs "Konzentrationslager" im Artikel "Imperialistischer Humanismus der EU vor dem Scherbenhaufen" vom 15. September ist insofern richtig, als dass sich die Flüchtlinge dort ja relativ frei bewegen konnten. Sie wurden dort auch nicht direkt misshandelt oder ähnliches, auch wenn die ganzen Zustände dort in vielerlei Hinsicht die Menschenwürde mit Füßen treten. Ferner gab es keine militärischen Wachmannschaften etc., die für Konzentrationslager ja charakteristisch sind. Deshalb war das tatsächlich eine Überspitzung der Zustände, wobei Du richtig auf die unterschiedlichen Herrschaftsmethoden hinweist. Zugleich ist Moria sicher ein krasser Ausdruck der Rechtsentwicklung der EU und der Tendenz zur Faschisierung europäischer Staatsapparate. Danke, dass du uns darauf aufmerksam gemacht hast!

 

In anderen Punkten stimmen wir der Kritik aber nicht zu. Konzentrationslager als Form der Inhaftierung sind viel älter als der Hitler-Faschismus. Die erste Erwähnung dieser Form der Gefangenenunterbringung stammt aus den südafrikanischen Burenkriegen Ende des 19. / Beginn des 20. Jahrhunderts. Dort hatten die Briten das erste Mal gefangene Buren in schwer bewachte und militärisch gesicherte Lager gesperrt.

 

Die Lager für Flüchtlinge in Libyen zum Beispiel lassen sich ohne weiteres als Konzentrationslager bezeichnen. Die Menschen hier werden militärisch bewacht, misshandelt und getötet. Diese Lager haben den Charakter von Konzentrationslagern. Man muss hier auch unterscheiden zwischen unterschiedlichen Charakteren von Konzentrationslagern. Nicht jedes Konzentrationslager ist automatisch faschistisch, auch wenn das angesichts der deutschen Geschichte hier allgemein miteinander verknüpft wird.

 

Richtig ist, dass der Hitler-Faschismus diese Grundidee in einer perversen Form weiterentwickelt hat - bis hin zu den Vernichtungslagern. Trotzdem sind Konzentrationslager nicht ausschließlich auf den Hitler-Faschismus beschränkt. Angesichts faschistischer Tendenzen auf der Welt nehmen solcherlei Konzentrationslager sogar leider wieder zu. Wir würden an dieser Realität vorbeigehen, wenn mit dem Begriff Konzentrationslager nur auf die Vergangenheit bezogen anwenden.

 

Zu zwei Sätzen von Dir möchten noch anmerken: Du schreibst: „Sie waren ausdrücklich Ausbeutungs-, Arbeits- und Vernichtungslager der Faschisten gegen politische Gegner und Menschen, die sie aus rassistischen Gründen vernichten wollten.“ Hier muss man unbedingt ergänzen: „Sie waren ausdrücklich Ausbeutungs-, Arbeits- und Vernichtungslager der Faschisten gegen politische Gegner und Menschen, die sie aus rassistischen, antikommunistischen und anderen Gründen vernichten wollten.“

 

Des Weiteren schreibst du in Bezug auf Moria: „Noch können sich die Menschen dort trotz allen Elends organisieren und kämpfen.“ Doch auch in faschistischen Konzentrationslager können die Menschen sich organisieren und kämpfen – wenn auch natürlich unter enormen eingeschränkten und gefährlichen Bedingungen. Das bewiesen zahlreiche Insassen. Man müsste vielleicht besser sagen: Noch verfügen die Menschen dort über ein Mindestmaß an demokratischen Rechten und Freiheiten.


Herzliche Grüße und vielen Dank